Christine Seidler – just do it

Die Leidenschaft und Notwendigkeit, Dinge zu Bewegen

„Ich kandidiere, weil Städte für Menschen mit Lebensqualität selbstverständlich wären. In Anbetracht der wachsenden Herausforderungen der 10 Millionen Schweiz aber nicht sind.“

.Die Zehn-Millionen-Schweiz wird mit relativ grosser Wahrscheinlichkeit 2035 zur Realität1. Die Schweiz muss also Raum schaffen für zusätzliche 1.6 Mio Personen. Vorwiegend in Kernstädten und Agglomerationsräumen. Was dem Trend der Urbanisierung entspricht.

Verdichtung wird also Tatsache und sind wir ehrlich, niemand weiss so richtig wie dies geht. Was Verdichtung heisst wussten wir letztes Mal im Mittelalter – dank der Stadtmauern.

Klar ist, dieser Wachstum hat zur Folge, dass sich der Wettbewerb um Raum und Lebensqualität zuspitzt.

Wenn 1,6 Mio Einwohnerinnen mehr vorwiegend auf dem Stadtgebiet aufgenommen werden müssen, ergeben sich daraus neben der Herausforderung baulicher Verdichtung auch neuartige siedlungspolitische Herausforderungen und damit einhergehend gesellschaftliche, räumliche und ökologische Zielkonflikte.

So zum Beispiel werden Lebensstile sich je länger je mehr an urbanen Wertvorstellungen orientieren. Die Individualisierung wird zunehmen, die Stadtstruktur einer immer breiteren Bedürfnisspanne Rechnung tragen müssen. Die Nachfrage nach Raumstruktur sich entlang dem Werte- und Verhaltenswandels2 stark verändern. Künftig wird nicht Besitz, sondern Verfügbarkeit von Räumen nachgefragt werden. Mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten.

All diese Herausforderungen bedingen neue einfache handhabbare Strukturen die umnutzbar, umdeutbar und auch umbaubar sind. Denn die Bedürfnisse werden volatiler und breiter werden.

Um dieser Herausforderung zu begegnen, muss die Planung ein Bestandteil der Entwicklung werden.

Als Raumplanerin stelle ich fest, die Stellschrauben der Raumplanung im Rahmen Bau- und Nutzungsordnung, bisherige Massstäbe und Gesetzesanforderungen werden kurzfristig überholt sein oder nicht mehr funktionieren. Aufgrund zunehmend komplexer Fragestellungen und Herausforderungen im Städtebau ist zu beobachten, dass vermehrt Ausnahmegesetze zur Regel werden. Hier muss man sich Fragen, ob diese Gesetze nicht mehr zeitgemäss sind.

In diesem Sinne erachte ich auch die im immer wieder gemachte Aussage, dass Verdichtung innerhalb baurechtlicher Restriktionen stattfinden muss, als zu kurz gegriffen. Genau diese Restriktionen werden durch die Glasdecke stossen und wir werden nicht darum herum kommen auch diese Stellschrauben komplett zu lösen und neu zu definieren, uns für ganz neue Prozesse und Rechtsgrundlagen zu öffnen.

Für die verdichtete Stadt unter der Prämisse von Lebensqualität geht es vielmehr darum, dass wir Planung als modulares System verstehen. Dass wir Stadtplanung als System eines vernetzten und ganzheitlichen Denkens verstehen. Interdisziplinär, transprofessionell, innovativ und visionär. Dass wir die Qualität von Bestehendem erkennen, verstehen, einbinden, neu interpretieren und weiterentwickeln. Aus meiner Sicht beinhaltet eine Nachhaltige Stadt auch Unfertiges, Überholtes das darauf wartet neu interpretiert zu werden, Platz für Unvollkommenes ganz besonders aber Ungeplantes. Dass wir uns Fehler erlauben können und daraus unsere Erkenntnis und Weisheit im Zusammenhang mit Verdichtung ziehen dürfen. Doch ein mögliches Scheitern auf grossflächigen Stadtgebieten scheint ist nicht indiziert. Ein Scheitern aufgrund fehlender Erfahrung kann man vermeiden, in dem man Verdichtung in einem Stadtlabor erproben kann.

Mein Engagement, mein Bewegen hat dies zum Ziel –  Verdichtung zu erproben, Erfahrungen zu sammeln und griffige Handlungsfelder undzukünftige Planungsinstrumente ableieiten zu können. Den Paradigmawechsel in der Planungskultur behutsam anzugehen –  als Planen des Ungeplanten .

Der Mut zur Lücke und der Mut zur Ergebnisoffenheit und bietet auch die Chance zur Entdichtung in der hohen Dichte. Und das ist wichtig, denn Verdichtung der Siedlungsräume ist dann attraktiv, wenn man die qualitative „Entdichtung“ innerhalb des bebauten Raumes aufzeigt. Räumlich oder sozial.